All(e)tag(e)
Heute in den frühen Morgenstunden hat mich etwas geweckt. Eine leichte Übelkeit. Eine Unruhe. Und plötzlich musste ich an den Alltag denken.
Für viele hat er wieder angefangen. Das „gewöhnliche“ Leben. Die Urlaubszeit ist vorbei und die Zeit voller Verpflichtungen, Routinen und alltäglicher Dinge hat wieder begonnen.
An und für sich ist daran auch nichts falsch. Wir haben Verantwortung zu tragen. Und unser Gehirn mag Routinen, weil sie Energie sparen.
Aber die Gefahr, die ich sehe, ist, dass wir unser Leben im Alltag in eine Ecke schieben. Komprimiert. Weniger lebenswert.
Genervt und erschöpft schleppen wir uns durch die Stunden und hoffen auf den Moment, in dem „Alle-Tage“ wieder aufhört und die Bedeutungslosigkeit in den Schatten tritt. Wir hoffen auf den Moment, in dem aus Alltagen wieder Seelentage werden. Momente, in denen wir uns von innen heraus beatmen und beleben.
In unseren Tagesrhythmen empfinde ich uns oft wie automatisiert. Wie eine Aufziehpuppe.
Der Alltag muss funktionieren, passen, klappen. Ob es uns damit wirklich gut geht – individuell und gemeinschaftlich –, steht oft gar nicht zur Frage. Sehnsüchte und Gefühle fallen unter den Tisch, weil sie keinen Platz haben.
Und langsam, aber sicher dämmern wir immer mehr weg.
Der Alltag stellt eine große Versuchung dar, im Bummelzug des Lebens einzuschlafen.
Und mit Bummelzug meine ich natürlich nicht, dass das alltägliche Leben nicht total herausfordernd sein kann. Aber die Kategorie „Alltag“ macht müde, taub, belanglos.
Wir stumpfen ab und versuchen, die Tage etwas erträglicher zu machen. Mit Ablenkungen, Konsum, Netflixserien und unendlichen Story Views. Ein paar Streusel, die uns das Ganze versüßen sollen.
Aber eigentlich warten wir auf den Moment, der „Alle Tage“ erlöst.
Es gibt etwas, das ich gerne mag – zugegeben nur, wenn ich keinen superwichtigen Termin habe:
Ich stehe gerne im Stau.
Ja, wirklich. Ich genieße das sogar.
Weil das für mich wie eine Stopp-Taste im Alltag ist.
Bummelzug-Unterbrechungen sind immer auch Chancen. Momente, in denen Licht hereinbricht und das Leben ein freches „Hi“ ruft und damit sagt:
Ich bin kostbar. Einzigartig. Unwiederbringlich. Bitte hör auf einzuschlafen.
Und natürlich gibt es auch die großen Stopp-Tasten des Bummelzugs.
Wenn etwas nicht funktioniert, so wie du es gehofft hast.
Eine Businessidee geht nicht auf. Eine Beziehung erfüllt sich nicht. Dein Körper macht etwas anderes, als du es im Alltag praktisch findest. Deine finanzielle Situation fliegt dir um die Ohren.
Doch oft wird dann nur das Nötigste nachjustiert. Gerade so viel, bis man wieder ein bisschen eindösen kann.
Manchmal sagen wir nach Schicksalsschlägen: „Der Alltag hat mich wieder.“
Was so viel heißt wie: Ich wurde komplett aus dem Bummelzug herauskatapultiert. Jetzt sitze ich aber wieder einigermaßen.
Bis zum nächsten Ruck. Bis zum nächsten Stopp.
Wie wäre es, wenn wir die Kategorie „normales Leben“ aufgeben würden?
Wenn wir mitten in all den Tagen aufwachen. Hellhörig werden.
Wenn wir uns und die anderen wirklich sehen.
Nicht mit deinem Alltags-Ich, sondern mit deinem:
„Ich bin einmalig und heute kommt nie wieder“-Ich.
Was wäre, wenn du morgens mit dem Gefühl aufwachen würdest, dass es heute wirklich um alles geht?
Kein Trash-Tag, der überlebt werden muss.
Was wäre, wenn du die Menschen, denen du begegnest, nicht für selbstverständlich hältst? Wenn du die unermüdliche Arbeit deines Körpers, dich am Leben zu erhalten, ehren würdest? Wenn du die Zeit mit deinen Liebsten wirklich auskostest – so, als wäre es das letzte Mal? Wen wir aufhören würden, die Lebenstage in mehr und in weniger wertvoll einzuteilen?
Vielleicht kannst du mit einer Mini-Geste anfangen.
Für dich oder für jemand anderen.
Eine leise, aber bestimmte Geste, die ausdrückt:
Heute ist kostbar. Du bist kostbar.
Ein kleiner Outbreak-Room.
Wie ein etwas tieferer Blick in den Spiegel. Nicht, um die nächste Falte zu entdecken, sondern das würdevolle Wesen, das dich aus deinen eigenen Augen anblickt.
Wie aufrichtiges Zuhören für jemanden, für den es die Welt bedeuten würde.
Wie ein Gutenachtkuss, der in voller Präsenz geschenkt wird.
Diese Outbreak-Momente können Augenblicke sein, in denen Liebe durchbricht.
In denen du mitten in all dem Lärm und hektischen Treiben bemerkst, wie viel mehr du bist.
Und dass es einfach unglaublich ist, überhaupt am Leben zu sein.
Heute ist nicht „All(e)Tag(e)“.
Heute ist ein kostbarer und einmaliger Tag deines Lebens.
Und du weißt es.
Auf einer tiefen Ebene hoffen wir alle, dass unser jetziges Leben nicht alles ist.
Ist es nicht.
Aber es braucht die Bereitschaft, wirklich hinzusehen. Auch auf die Dinge, die wir im Bummelzug lieber übersehen würden.
Für mich geht es darum, wirklich unbrav zu werden und das Schlafwandeln zu durchbrechen.
Nutze den Bummelzug bewusst. Pflege Routinen ein, die dein Leben erleichtern. Aber lass dich von ihnen nicht ersticken. Lass dich nicht vereinnahmen.
Schläfer- oder Schäferstündchen mit dem Leben. Deine Entscheidung.
Die Worte mussten raus.
Grüße von Seele zu Seele.
Danke für deine Zeit, diese Zeilen zu lesen. Es bedeutet mir viel.
Alles Liebe und in Verbundenheit
Felicitas



Jau liebe Pömmi, das hast du wirklich super und sehr einfühlend geschrieben! 😘
Du hast wahnsinnig gute Inspirationen und du kannst sehr gut tiefgründige Denkanstöße geben.
Eigentlich solltest du dieses Talent nutzen/einsetzen und Bücher scheiben! 🥰